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Universitäts-Sternwarte München


Fakultät für Physik der Ludwig-Maximilians-Universität

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Geschichte der Sternwarte

Rollwagen – Astronomie

Bis zur Ernennung eines Nachfolgers von Schoenberg wurde der Direktor des II. Physikalischen Instituts der Universität, Walter Rollwagen (1909–1993), zum kommissarischen Leiter der Sternwarte ernannt. Wider Erwarten sollte er dieses Amt sechs Jahre lang bekleiden und dabei den Mitarbeitern der Sternwarte und des Sonnenobservatoriums Wendelstein weitgehendst freie Hand bei der Durchführung ihrer Forschungsvorhaben lassen. Schmeidler scheint während dieser Zeit eine inoffizielle Führungsrolle an der Sternwarte übernommen zu haben, während Müller auf dem Wendelstein von Amts wegen die Leitung innehatte. Ein Innovationsschub fand daher nach dem Weggang Schoenbergs nicht statt, es wurde praktisch nur der Bestand verwaltet.

[Mitarbeiter der Sternwarte mit Angehörigen]

Die Mitarbeiter der Sternwarte Bogenhausen posieren hier im Sommer 1959, teilweise mit Familienangehörigen, im Park vor einer Säule, auf der die Büste einer jungen Frau thront, die während der Luftangriffe 1944 auf das Sternwartgelände geschleudert worden war. In der vorderen Reihe (Sechster von links) steht der kommissarische Leiter Walter Rollwagen, rechts hinter ihm Felix Schmeidler. Zweiter von links ist Winfried Petri, der neben Schmeidler seinerzeit zu den auffallendsten Persönlichkeiten an der Sternwarte zählte.

[Das Hauptgebäude der Sternwarte im Sommer 1955]

Durch die Farbgebung ihrer Außenwände strahlte die Sternwartanlage in den 1950er Jahren südliches Flair aus. Ob man sich erst nach den Renovierungsarbeiten für diese Ockerfarbe entschieden hat, ist heute nicht mehr bekannt. Die Aufnahme zeigt das Hauptgebäude im Sommer 1955.

[Die Sternwartanlage im April 1959]

Blumenwiese mit Refraktorbau und Verbindungsgang mit einigen nicht gerade geschmackvollen An- und Aufbauten im April 1959.

[Refraktorgebäude und Behausung des Vertikalkreises]

Kuppel des Refraktorgebäudes und tonnenförmige Behausung des Vertikalkreises im Sommer 1955.

[Reichenbachscher Meridiankreis][Fraunhofer-Refraktor]

Reichenbachscher Meridiankreis (links) und Fraunhofer-Refraktor mit geöffnetem Kuppelspalt (rechts) im September 1958.

Neben Schmeidler war Winfried Petri (1914–2000) in dieser Zeit die auffallendste Persönlichkeit an der Sternwarte. Er stammte aus Braunschweig, hatte Theologie, orientalische Sprachen, Mathematik und Physik studiert und 1943 in Berlin mit einer Arbeit über einen arabischen Philosophen promoviert. Seine Sprachbegabung war schon im Gymnasium aufgefallen, als er neben Latein und Altgriechisch auch Hebräisch erlernte, während er seine musischen Talente als Saxophonist und Fagottspieler auslebte. Schon mit 19 Jahren war er dann Mitarbeiter der Preußischen Akademie der Wissenschaften geworden, wo er an einem Ägyptischen Wörterbuch und über die Griechischen Kirchenväter arbeitete. Nach dem Kriege wurde er aus der amerikanischen Gefangenschaft nach Schliersee entlassen und absolvierte zur Bestreitung seines Lebensunterhaltes in der Pechkohlenzeche Hausham eine Ausbildung zum Hauer. In dieser Zeit kam er auch mit Müller auf dem nahegelegenen Wendelstein in Verbindung, der ihn für die Koronaforschung begeisterte und an die Sternwarte Bogenhausen vermittelte. Hier wurde er zum ersten Mitarbeiter, der im Sommer 1957 bei IBM einen Lehrgang zur Programmierung elektronischer Rechenmaschinen absolvierte und mit ersten Bahn- und Ephemeridenrechnungen auf der PERM (Programmgesteuerte Elektronische Rechenmaschine München) der Technischen Hochschule die moderne Datenverarbeitung an der Sternwarte einführte. (Bei dem 1956 in Betrieb genommenen, röhrenbasierten Rechner wurden Betriebsstörungen noch vom Hausmeister mit Hammerschlägen gegen den Metallrahmen des Rechners behoben.) Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit hatte sich Petri, der eine sprudelnde geistige Regsamkeit besaß, zumindest Grundkenntnisse beinahe aller modernen europäischen Sprachen angeeignet. Dabei war er auch in der Lage, innerhalb weniger Monate sogar außereuropäische Sprachen, wie z. B. das Singhalesische, zu erlernen, da er dies für seine Teilnahme an einer Sonnenfinsternisexpedition nach Ceylon im Jahre 1955 für erforderlich hielt. Immer mehr kombinierte er dann seine astronomischen mit seinen historischen Interessen und verlegte sich auf die Erforschung der Geschichte der indischen Astronomie, wobei er die entsprechenden Quellen in Sanskrit, Tibetisch und Mongolisch studierte. In diesem Zusammenhang entstand auch seine Freundschaft mit Tendzin Gyatsho, dem 14. Dalai Lama. Daneben fungierte Petri auch als sprach- und sachkundiger Vermittler schwer zugänglicher Literatur und fasste vor allem wissenschaftliche Publikationen aus der damaligen Sowjetunion zusammen, die er dann in deutschen Zeitschriften publizierte.

Bildquellen:

Nr. 1–6: USM

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