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Universitäts-Sternwarte München


Fakultät für Physik der Ludwig-Maximilians-Universität

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Geschichte der Sternwarte

Lamont – Jugend

Johann (John) v. Lamont entstammte einem uralten Clan, der seit dem 3. Jahrhundert an der Westküste Schottlands am Loch Lomond beheimatet war. Sein Vater Robert Lamont (1747–1816) war als Forstverwalter bei James, dem 2. Earl of Fife angestellt und trieb für ihn auch Pachtzins und Steuern ein. Er hatte drei Söhne, der mittlere, John, erblickte am 13. Dezember 1805 in Corriemulzie in der Nähe von Braemar das Licht der Welt. Über Johns frühe Kindheit ist wenig bekannt, außer dass er sich offenbar schon sehr früh für die Geheimnisse des gestirnten Himmels interessierte und zum star-gazer wurde. Häufig begleitete er auch seinen Vater bei dessen Dienstausritten und zog sich bei wiederholten Stürzen vom Pferd teilweise lebensgefährliche Verletzungen zu, die letztendlich fast sieben Jahrzehnte später mitverantwortlich für seinen Tod waren. Während des Besuchs der Dorfschule in Inverey, ca. zwei Meilen von seinem Elternhaus entfernt, erkannte man seine hohe Begabung und sein Vater beschloss, diese Anlagen weiter zu fördern und ihm eine wissenschaftliche Ausbildung zu ermöglichen. Bevor aber diese Absicht in die Tat umgesetzt werden konnte starb Robert Lamont im Jahre 1816 an den Folgen eines Reitunfalls.

[Tartan des Lamont-Clans]

Der Tartan des Lamont-Clans zeigt das typische Karomuster mit einer speziellen Abfolge von Farben und Farbtönen. Er darf nur von Clanmitgliedern getragen werden.

[Landschft bei Braemar]

Die karge Landschft bei Braemar in den schottischen Highlands zeigt sich wenig einladend.

[Corrimulzie]

Blick auf Corrimulzie, den Geburtsort von Lamont.

[Sägemühle in der Nähe von Lamonts Geburtshaus]

In unmittelbarer Nähe dieser Sägemühle stand vor 200 Jahren sein Geburtshaus.

[Dorfschule von Inverey]

Die alte Dorfschule von Inverey, die er in seiner Kindheit besuchte, ist heute noch vorhanden. Die Aufnahmen entstanden alle im Jahre 2006.

Nun geschah etwas, was John Lamont späteren Gesprächspartnern gegenüber immer wieder als eine eigenthümliche Fügung der Vorsehung bezeichnete: Im Sommer 1817 kam ein Benediktinermönch des Schottenstifts St. Jakob in Regensburg zum Pfarrer von Braemar, um Erkundigungen über Kinder katholischer Eltern einzuholen, die als Zöglinge für das Regensburger Schottenseminar geeignet schienen. Der Pfarrer verwies auf John Lamont und nach einer kurzen Examinierung erklärte sich der 12-jährige Knabe bereit, Robertson nach Regensburg zu folgen und mit Einwilligung seiner Mutter seine schottische Heimat zu verlassen. Er hat Schottland und seine Familie, die bald darauf nach Amerika auswanderte, nie mehr wieder gesehen.

Das Schottenkloster hatte gegen Ende des 17. Jahrhunderts durch die Gründung eines Seminars zur Ausbildung schottischer Benediktiner eine Blütezeit erreicht, die anschließend in der katholischen Mission in ihrer Heimat eingesetzt wurden. Im 18. Jahrhundert nahmen dann auch die Wissenschaften in St. Jakob einen großen Aufschwung und viele Mönche machten in dieser Zeit als Professoren z. B. für Physik oder Mathematik an Universitäten auch eine weltliche Karriere und/oder wurden Mitglieder gelehrter Gesellschaften. Durch geschicktes Taktieren hatte das Kloster die Säkularisation überlebt und konnte – mit Einschränkungen zwar – seiner gewohnten Tätigkeit nachgehen.

[Klosteranlage St. Jakob]

Die Klosteranlage St. Jakob nach einem Kupferstich aus dem Jahre 1753.

[Klosterkirche von St. Jakob]

Die Klosterkirche zählt zu den Hauptwerken der romanischen Architektur in Süddeutschland.

[Das Kircheninnere]

Das Kircheninnere hat sich seit Lamonts Aufenthalt im Schottenkloster kaum verändert.

Nachdem John Lamont im Seminar des Schottenklosters die deutsche Sprache erlernt (aus John wurde nun allmählich Johann) und Grundkenntnisse der lateinischen und griechischen Sprache erworben hatte, besuchte er das Gymnasium bis 1823, durchlief dann bis 1826 am Lyceum die philosophischen Kurse und nahm anschließend das Studium der Theologie auf. Nebenbei erlernte er fast alle lebenden Sprachen, die eine naturwissenschaftliche Literatur aufzuweisen hatten, und widmete sich vor allem dem Studium der Mathematik. Unterstützt wurde er dabei vom Prior des Klosters, Benedikt Deasson (1774–1855), der selbst ein ausgezeichneter Mathematiker war. So konnte Lamont schon als Gymnasiast schwierige Probleme der Physik und Astronomie in Angriff nehmen. Seinen Neigungen kam auch entgegen, dass er sich in der klostereigenen Werkstätte praktische Kenntnisse und Handfertigkeiten in der Mechanik aneignen und zusammen mit Deasson astronomische Beobachtungen anstellen konnte. Als Deasson feststellen musste, dass ihn Lamont mit seinen Kenntnissen zu überragen anfing, kam er bei der Suche nach einer besseren Ausbildungsstätte auf die Sternwarte Bogenhausen, deren Ruf damals durch die ganze civilisirte Welt drang.

Wegen der guten Verbindungen zwischen dem Schottenkloster und der Akademie in München kam der Kontakt mit Soldner problemlos zustande und der angehende Theologe Lamont nutzte seine Sommerferien 1827 zur weiteren astronomischen Ausbildung an der Sternwarte Bogenhausen. Soldner war überrascht von der Persönlichkeit, den Kenntnissen und der raschen Auffassungsgabe des 21-Jährigen und da er schon seit einiger Zeit gesundheitlich angeschlagen war, setzte er erfolgreich alle Hebel in Bewegung, um Lamont als Assistenten zu gewinnen. Die Ernennung durch die Akademie erfolgte dann am 15. März 1828, die Beförderung zum Adjunkt drei Jahre später. Da ihm ab 1828 die Verantwortung für alle astronomischen Aktivitäten übertragen worden waren, konnte Lamont auch schon seine eigenen Vorstellungen verwirklichen. So stellte er das Beobachtungsprogramm mit dem Reichenbachschen Meridiankreis um und konzentrierte sich nur noch auf die Ortsbestimmung teleskopischer Sterne in der Nähe des Äquators, also solcher, die nur mit einem Fernrohr zu beobachten sind (6. bis 10. Größe). Daneben führte er die umfangreichen Reduktionsarbeiten der Soldnerschen Meridiankreismessungen durch und bereitete sie zur Publikation durch die Akademie vor, eine Tätigkeit, die den größten Teil seiner Zeit in Anspruch nahm. Außerdem arbeitete Lamont nebenbei an seiner Promotion, die dann im März 1830 erfolgte.

Als Soldner 1833 starb wurde Lamont von der Akademie mit der kommissarischen Leitung der Sternwarte betraut. Gleichzeitig bewarb er sich um die Nachfolge Solners im Amt des Sternwartdirektors. Dabei hatte er jedoch zwei prominente Rivalen, nämlich Carl August v. Steinheil (1801–1870) und Franz von Paula Gruithuisen (1774–1852).

Steinheil hatte Astronomie studiert, besaß in München eine Privatsternwarte und hatte mit der Herstellung von Objektiven, Okularen und astronomischen Messinstrumenten gerade begonnen, auch unternehmerisch tätig zu sein. Gruithuisen war seiner Ausbildung nach Mediziner, hatte aber auch an der Universität in Landshut Philosophie und Naturwissenschaften studiert. Als 1826 die Universität nach München verlegt wurde, hatte er den Lehrstuhl für Astronomie erhalten. Als Universitäts-Sternwarte diente im Obergeschoß seiner Wohnung in der Briennerstraße ein physiognostisches Observatorium, das mit mehreren kleineren Fraunhofer-Teleskopen ausgestattet war. Damit studierte er vor allem die Oberfläche des Mondes und die der inneren Planeten und glaubte, deutliche Spuren der Mondbewohner (Straßen, Gebäude, einen sternförmigen Tempel, sogar kultische Feste) ausgemacht zu haben. Die Fachwelt stand diesen Forschungsergebnissen, die er nur mit wenigen Außenseitern teilte, ablehnend gegenüber.

Die Frage der Nachfolge Soldners zog sich ca. zwei Jahre hin. Lamont hatte eigentlich die schlechtesten Karten. Er war mit seinen 27 Jahren noch zu unbekannt und eigentlich zu weltfremd, um sich bei dem nun einsetzenden Intrigenspiel gegen seine übermächtigen Mitbewerber in eine gute Position zu bringen. Die Universität wollte natürlich ihren Astronomen Gruithuisen durchsetzen, die Akademie eigentlich Steinheil, der von seinem ehemaligen Lehrer, dem Direktor der Sternwarte Königsberg und bekanntesten Astronomen seiner Zeit, Bessel, wärmstens empfohlen wurde. Heinrich Christian Schumacher (1780–1850), der Gründer der Astronomischen Nachrichten und Direktor der Sternwarte in Altona, setzte sich für Lamont ein. In der entscheidenden Sitzung am 9. April 1835 war Gruithuisen, den Humboldt als Münchner Gräuel titulierte, schon ausgebootet, es entstand jedoch ein Patt zwischen Steinheil und Lamont. In dieser Situation ergriff schließlich der Akademiepräsident Friedrich Wilhelm Joseph v. Schelling (1775–1854) Partei für Lamont, würdigte sein erfolgreiches Wirken an der Sternwarte seit 1828 und gab durch sein Votum den Ausschlag. König Ludwig I. ernannte dann am 13. Juli 1835 den 29-jährigen königlichen Adjunkt Lamont zum Conservator (Direktor) der Sternwarte Bogenhausen. Noch im gleichen Jahr wurde er zum außerordentlichen und 1837 zum ordentlichen Mitglied der Akademie ernannt. Lamont sollte sich in der Folge zu einem der vielseitigsten Naturwissenschaftler seiner Zeit entwickeln.

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