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Universitäts-Sternwarte München


Fakultät für Physik der Ludwig-Maximilians-Universität

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Geschichte der Sternwarte

Rockerl

Wohl schon 1759 hatte die treibende Kraft bei der Gründung der Akademie, der Staatsrechtler Johann Georg v. Lori (1723–1787), ein turmartiges Gebäude auf einer Eckbastion der Stadtbefestigung als mögliches Akademie-Observatorium ausgemacht und den Münz- und Bergrat Johann Georg Dominicus v. Linprun zu dessen Kauf veranlasst. Ob sich dabei die Akademie in irgendeiner Form finanziell beteiligte, ist nicht mehr bekannt. Möglicherweise steuerte sie Geld zum Kauf von Instrumenten bei. Sie betrachtete dieses Observatorium jedenfalls als »ihre« Sternwarte und hatte damit sofort Großes vor: Sie wollte sich, wie andere Akademien auch, an der Lösung eines der großen Probleme beteiligen, das damals den wissenschaftlichen Alltag beherrschte, nämlich der Festlegung der Entfernungen im Sonnensystem.

Es war schon länger bekannt, dass die Beobachtung eines »Venusdurchgangs«, d. h. die Messung der Dauer des Vorübergangs des Planeten Venus vor der Sonnenscheibe, die Ermittlung der Sonnenparallaxe und dann über das dritte Keplersche Gesetz den Abstand Erde–Sonne (die Astronomische Einheit) in absoluten Einheiten zu bestimmen erlaubt. Damit sind dann auch die Entfernungen aller anderen Planeten im Sonnensystem festgelegt. Für die Messungen sind dabei mindestens zwei geographisch möglichst weit auseinanderliegende Beobachtungsstationen erforderlich. Das Ergebnis wird natürlich umso besser, je mehr Stationen gute Daten liefern. Da Venusdurchgänge relativ selten sind (es gibt nur zwei pro Jahrhundert und zwar im Abstand von ca. 8 Jahren), sollte man das Ereignis von möglichst vielen, über alle Erdteile verstreuten Orten beobachten. Die erforderliche Beobachtungsprozedur war zur damaligen Zeit ein nicht gerade einfaches Unterfangen, vor allem bei Expeditionen in wissenschaftlich unerschlossene Gebiete. Man musste die geographische Länge und Breite der Station bestimmen, die genaue Ortszeit herleiten und gut gehende Uhren mit sich führen. Auch der Messvorgang mit dem abgedunkelten Teleskop hatte seine Tücken, denn die Beobachter wurden mit dem sog. »Tropfeneffekt« konfrontiert, einem Phänomen, mit dem niemand vorher gerechnet hatte: Aufgrund des begrenzten Auflösungsvermögens der Teleskope und des Einflusses von Venus- und Erdatmosphäre sowie der Randverdunkelung der Sonne fließen Venus- und Sonnenscheibe schon kurz vor bzw. noch kurz nach dem eigentlichen Kontakt ineinander über und erschweren so die exakte Bestimmung der Kontaktzeiten.

In München traf man alle nötigen Vorbereitungen, um den für den 6. Juni 1761 erwarteten Venusdurchgang erfolgreich zu vermessen. Die Akademie bestellte eigens zu diesem Zweck einen Azimutalquadranten bei dem damals bedeutendsten Hersteller feinmechanisch-optischer Instrumente im deutschsprachigen Raum, Georg Friedrich Brander (1713–1783) aus Augsburg. Das Instrument wurde rechtzeitig im April 1761 an das Rockerl geliefert.

Die Einweihungsfeier des Observatoriums wurde terminlich mit dem Venusdurchgang abgestimmt. Da hierbei die meisten der auswärtigen Gesandten, und eine Menge des vornehmsten Adels gegenwärtig war, trat die Astronomie in München sozusagen mit einem Paukenschlag in das Licht der Öffentlichkeit. Zum Ruhme der Akademie war das Rockerl in das weltweite Netz von 72 Stationen auf drei Kontinenten eingeschlossen. Der Geistliche Rat und Domherr Lorenz v. Westenrieder (1748–1829) schreibt hierzu im ersten Band seiner 1784 erschienen Geschichte der Akademie:

Es war in der schönsten Jahreszeit, und die heiterste, herrlichste Sommernacht von der Welt; der Himmel voller Sterne. Brander sah beständig mit dem Rohr hinauf. Nach 5 Uhr früh sprang er plötzlich, von einem freudigen Schrecken ergriffen, in die Höhe, und kündigte mit einem heftigen Ton die Erscheinung an. Es war eine große Bewegung, als käme etwas vom Himmel nieder, unter den Anwesenden, deren jeder an der Erscheinung so viel ihm möglich war, Theil nahm.

Nach der anfänglichen Euphorie nahm das Interesse an astronomischen Beobachtungen auf dem Rockerl dann aber spürbar ab. Brander beklagte sich 1765, dass er bei einem Besuch in München schier ohnmächtig wurde, als er sah, dass sein Quadrant zur Reinigung von Schlossern zerlegt worden war. Das Gebäude wurde schließlich 1769 oder 1770 von Linprun verkauft und fiel 1886 dem Bau der Prinzregentenstraße zum Opfer.

[Das Rockerl]

Das erste Observatorium der Akademie wurde 1760 in einem turmartigen Gebäude am damaligen Stadtrand eingerichtet. Es wurde im Volksmund Rockerl genannt nach dem gleichnamigen Gasthaus am Fuße des Turms.

[Johann Georg v. Lori][Johann Georg Dominicus v. Linprun]

Die Initiative hierzu war von den Akademiemitgliedern Johann Georg v. Lori (links) und Johann Georg Dominicus v. Linprun (rechts) ausgegangen.

[Georg Friedrich Brander][Der Azimutalquadrant von Brander]

Zur Beobachtung des Venusdurchgangs vom 6. Juni 1761 wurde ein 2.45 Meter hoher Azimutalquadrant des Augsburger Instrumentenbauers Georg Friedrich Brander angeschafft.

Das Rockerl war daher an der Beobachtung des zweiten Venusdurchgangs im Jahre 1769 nicht mehr beteiligt. Auch bei dieser Kampagne wurden von Wissenschaftlern nach zum Teil abenteuerlichen Reisen auf 77 Observatorien oder Behelfsstationen in allen Teilen der damals bekannten Welt die Messungen vorgenommen. Die bekannteste Station ist wohl die, die James Cook (1728–1779) im Auftrag der Royal Society bei seiner ersten Weltumsegelung (1768–1771), die jedoch vor allem der Suche nach der Terra Australis Incognita diente, auf Tahiti errichtet hat. Johann Franz Encke (1791–1865), damals Direktor der Sternwarte Seeberg bei Gotha, hat sich die Ergebnisse dieses ersten wirklich globalen wissenschaftlichen Projekts – auch die auf dem Rockerl gewonnenen – mühsam beschafft, einheitlich reduziert und 1824 publiziert. Als Wert für die mittlere Sonnenparallaxe erhielt er dabei 8.″5776, entsprechend einem Abstand Erde–Sonne von (in heutiger Längeneinheit) 153.4 Millionen km. Zur Genauigkeit des Ergebnisses schreibt er: Es ist Eins zu Eins zu wetten, daß die Parallaxe nicht kleiner ist als 8.″5406 und nicht größer als 8.″6146. Bei dieser Fehlerabschätzung war Encke wohl etwas zu optimistisch, denn die modernen Werte betragen 8.″794148 bzw. 149.6 Millionen km.

[James Cook][Die Matavai-Bucht an der Nordspitze von Tahiti]

James Cook war einer der berühmtesten Entdeckungsreisenden des 18. Jahrhunderts. Am 3. Juni 1768 beobachtete er in der Matavai-Bucht an der Nordspitze von Tahiti den Venusdurchgang.

[Das Denkmal am Point Venus][Die Plakette am Denkmal]

Am Point Venus ließ er anläßlich dieses bedeutungsvollen Ereignisses ein Denkmal errichten, das 1901 restauriert wurde. Die Aufnahmen stammen aus den Jahren 1993 und 1978.

Bildquellen:

Nr. 1: A. Brachner
Nr. 8, 9: R. Häfner
Nr. 2–7: WWW

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